George Sand, Nanon

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George Sand, Nanon. Roman. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl. Hanser Verlag. 496 Seiten. 38 Euro

Die überaus bedeutende Rolle der 1804 geborenen und 1876 gestorbenen George Sand für die Politik und die Literatur des 19. Jahrhundert ist bei uns in Deutschland noch lange nicht ausgelotet. Zwar gilt sie dem Feminismus sehr zu Recht als leuchtende Ikone, nicht zuletzt wegen ihres gekonnten Spiels mit den Geschlechtern. Literarisch schlug sich das in ihrem 1839 erschienenen Dialog-Roman „Gabriel“ nieder. 2022 erschien er zum allerersten Mal in deutscher Sprache im Reclam-Verlag. Nun folgt der Hanser-Literaturverlag mit einem auf den ersten Blick ausgesprochen politischen Roman: Es geht in „Nanon“ um die Geschichte der Großen Französischen Revolution – aus weiblicher Sicht.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/george-sand-nanon-9783446284180-t-5681

In vorgerücktem Alter mache ich mich jetzt, 1850, ans Werk und schreibe die Geschichte meiner Jugend. Ich weiß nicht, ob ich im Schreiben erzählen kann, denn mit zwölf war ich noch außerstande zu lesen. Ich versuch’s, so gut ich kann.

So beginnt George Sands letzter Roman, im Jahr 1871 geschrieben. Anfangs im unbeholfenen Ton eines 12jährigen analphabetischen Bauernmädchens aus einem Dorf namens Valcreux weitab von Paris, erzählt sie die Geschichte einer Vollwaisen: Nahe eines Klosters, zu dessen Besitz sie als Leibeigene gehört, hütet sie ihr einziges Schaf. Dabei lernt sie einen nur wenig älteren jungen Mönch, Émilien, kennen. Émilien steckt unfreiwillig in der Kutte, denn er ist ein zweitgeborener Adliger, ein Marquis, den seine Familie, wie damals üblich, auf diese Weise entsorgte, um den Besitz ungeteilt an den Ältesten zu übergeben. Auch Émilien ist des Schreibens und Lesens nur halbwegs kundig. Doch da man im Dorf von nichts anderem als der in Paris 1789 ausgebrochenen Revolution redet, die die Befreiung der Leibeigenen verspricht, stiftet Nanon Émilien an, ihr das wenige, was er weiß, beizubringen. Mit 14 ist Nanon des Lesens und Schreibens kundig, kann sich über den Fortgang der Revolution genauer informieren und die Dorfbewohner an ihrem Wissen teilhaben lassen.

In Valcreux waren wir alle königstreu, denn wir hingen an unserer Messe und wir liebten den Herrn Prior, – was uns nicht hinderte, sehr revolutionär zu sein, und wir wollten behalten, was durch die Verfassung erreicht war.

Im Gewand eines Bildungsromans erzählt George Sand in „Nanon“ eine Geschichte der Großen Französischen Revolution „von unten“. Das in doppeltem Sinn, nämlich zum einen aus der „Froschperspektive“ eines ungebildeten Bauernmädchens, zum anderen aus der Perspektive der Provinz, weit weg vom eigentlichen revolutionären Geschehen. Auf diese Weise gelingt es der Autorin, sich in ihrer Erzählung fern einer bloß theoretischen Sicht auf die Revolution auf zwei ihrer Errungenschaften zu konzentrieren: Nämlich die Emanzipation der Einzelnen durch Bildung und die Möglichkeit dieser Einzelnen, sich durch den Erwerb verstaatlichten Kirchen- und Adelsbesitzes eine unabhängige Existenz aufzubauen. – Für beides steht das lebenslange politische Engagement George Sands, und beides sind auch die Hauptthemen der Geschichte Nanons. – Wie die Autorin ihre Geschichte allerdings erzählt, steht auf einem anderen Blatt: Nach der gewollt naiven Einleitung über Nanons Emanzipation mutiert die Geschichte zunächst zu einem wilden Abenteuerroman, in dem die Heldin den wegen seines Adels der Konterrevolution verdächtigen Émilien tollkühn befreit.

Ihr habt gesagt, ich werde meinen Willen durchsetzen, und mein Wille ist, dass er nicht stirbt. Los! Jetzt müsst Ihr mir helfen…!

… herrscht Nanon den einflussreichen Republikaner Costejoux an, jenen Anwalt, der das Kloster in Valcreux gekauft hat und der nach der Rettung Émiliens noch eine bedeutende Rolle in ihrem Leben spielen wird. Denn wie er, wird sie – Bildung lohnt sich eben! – eine erfolgreiche Immobilienmaklerin, heiratet schließlich – wer hätte das nicht geahnt? – Émilien. Am Ende wird sie die Marquise auf seinem Schloss. – Kitsch also. „Nanon“ endet als früher Lore-Roman. Schlimmer noch ist, dass George Sand darin ihren Ruf als die große Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts aufs Spiel setzt, wenn sie Nanon Sätze in den Mund legt wie diesen:

Wenn Émilien mein Gatte ist, wird er auch mein Gebieter, und ich gehorche ihm gern.

Damit stellt sich die Frage, warum der Hanser-Verlag ausgerechnet mit einem der schwächsten von George Sands immerhin rund sechzig Romanen ihre Wiederentdeckung in Deutschland einleiten möchte. Einem offenbar schnell und völlig humorlos dahingeschriebenen, von zahlreichen logischen Fehlern nur so wimmelnden und von einem zerfransten Schluss am Ende sogar ziemlich verunstalteten Roman. Und das in einer wahrhaft luxuriös ausgestatten, von einem Star der Übersetzerzunft, Elisabeth Edel, herausgegebenen, übersetzten und ausführlich kommentierten Ausgabe? Man kann nur hoffen, dass es sich um einen Missgriff handelt und nicht um eine Spekulation auf die fortschreitende Trivialisierung des Literaturmarktes.

WDR3 Westart 2. Januar 2026