Veronika Schuchter, Ernst Toller

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Veronika Schuchter, Ernst Toller. Revolutionär, Schriftsteller, Antifaschist. Eine Biografie. Wallstein Verlag. 413 Seiten. 36 Euro

https://www.wallstein-verlag.de/9783835356306-ernst-toller.html

Zwar ist Ernst Tollers Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ von 1933 sein bei weitem bekanntestes Werk. Die auf teils bisher unbekannten Quellen beruhende Biografie Veronika Schuchters erweitert jetzt kenntnisreich den Blick auf sein weiteres Leben und Wirken.Der expressionistische Dramatiker Ernst Toller ist, wenn überhaupt noch, allenfalls als Revolutionär bekannt, als einer der literarischen „Träumer“, die für ein paar Tage an der Spitze der anarcho-sozialistischen Münchner Räterepublik vom Frühjahr 1919 standen. Dass er aber nach dieser Revolution und der folgenden vierjährigen Festungshaft noch ein anderes Leben hatte, stellt die Germanistin Veronika Schuchter in den Mittelpunkt ihrer Biografie: Rast- und selbstlos stellte Toller nach Hitlers Machtergreifung 1933 sein Leben und Wirken in den Dienst der von den Nazis vertriebenen Emigranten.

Mittendrin statt nur dabei ist sein Motto, er ist magisch angezogen von sozialen und politischen Ereignissen, die sich als historisch herausstellen sollten, von Orten, an denen es gärt, er springt mit aller Kraft hinein, manchmal taumelt er.

„Mittendrin statt nur dabei“ ist auch der Leitfaden der überaus präzisen, Faktengesättigten und sich bei Bedarf auch klug distanzierenden Biografie Veronika Schuchters: Keinen Augenblick weicht sie vom rastlos tätigen Toller, schweift dabei nie ins Psychologisieren ab, sondern versteht es, seinen Werdegang kenntnisreich in die jeweilige historische Situation einzubetten. Wenn sie über die Jugend und Kindheit des 1893 im damals preußischen, heute polnischen Samotschin geborenen Toller schreibt, tritt dem Leser plastisch die soziale und ökonomische Situation der dort lebenden Juden vor Augen. Tollers Familie gehörte dem wohlhabenden Bürgertum an. Seine Mutter Ida förderte den zeitlebens kränkelnden Ernst, ermöglichte ihm ein Studium in Grenoble und Heidelberg. Dort wird er Schüler und Verehrer des Soziologen Max Weber, der ihm die Augen für die dem Kapitalismus inhärente soziale Ungerechtigkeit öffnet. Nichtsdestotrotz lässt sich der 21jährige 1914 von der allgemeinen Kriegsbegeisterung anstecken, meldet sich freiwillig. Im Artilleriefeuer vor Verdun wird er so traumatisiert, dass er zum glühenden Pazifisten, aber auch bis zu seinem Lebensende an Depressionen leiden wird. In München verkehrt er in literarischen Kreisen, Thomas Mann beugt sich freundlich über seine ersten Gedichte, er freundet sich mit Klaus und Erika Mann an – und gerät Anfang 1919 in die Münchner Revolution.

In der revolutionären Erregung jener Tage hatte sich Toller auf das Glatteis der der Politik begeben, für welche er eine eigentliche Begabung keineswegs mitbrachte. Er war ein Mann des Gefühls, nicht der kühlen Berechnung, der Phantasie, nicht des nüchternen Tatsachensinns.

Zitiert die Autorin Tollers damaligen Mitrevolutionär und späteren Gefängnis-Kameraden Ernst Niekisch. Doch war die Münchner Räterepublik von 1919 eben auch mehr eine Sache der Phantasie und eben nicht des „nüchternen Tatsachensinns“. Es waren Träumer, Literaten, die an ihrer Spitze standen. Und für ein paar Tage sogar zualleroberst als Vorsitzender des Zentralrats – stand der gerade 26jährige Ernst Toller. Die Strafe für die anarcho-sozialistische Träumerei war hart: Fünf Jahre verbrachte Toller unter erniedrigenden Bedingungen vom Juni 1919 an in Festungshaft. Doch gelang es ihm dort, sein erstes, expressionistisches, Drama „Die Wandlung“ zu beenden. Nach der Uraufführung im Januar 1919 in Berlin wurde Toller zu dem Theaterstar der Weimarer Republik. Es folgte eine Reihe weiterer, erfolgreich aufgeführter Dramen. Doch war er, wie Veronika Schuchter schreibt, zu Anfang seines Exils 1933 als Dramatiker „leergeschrieben“. – Aber:

Als er ganz vage zu irrlichtern schien, kam ihm Hitler zur Hilfe, gab ihm einen neuen Feind, eine neue Arena.

Zitiert die Biografin aus dem Nachruf von Tollers Schriftstellerkollegen Emil Ludwig. Denn von nun, von 1933 an, war Ernst Tollers „Arena“ nicht mehr die Schriftstellerei, sondern der Kampf gegen den faschistischen Usurpator – und der Kampf für die von den Nazis bis in die Emigration hinein Verfolgten. Ihn selbst zwingt das Exil zu rastloser Heimatlosigkeit. Doch zuerst in England, dann in den USA baut er ein dichtes Netzwerk auf, das dazu dient, anderen Emigrierten zu helfen, beispielsweise, was bisher keine andere Biografie Tollers erwähnte, der Tochter des von den Nazis ermordeten Weltbühne-Herausgebers Carl von Ossietzky. Bei der Schilderung dieser unermüdlichen Tätigkeiten erstarrt die Biografin keineswegs in Bewunderung, sondern hinterfragt kritisch, warum Toller, obwohl selbst Jude, niemals auf die Idee kam, auch gegen den Antisemitismus und die Judenverfolgung der Nazis zu kämpfen. Sie muss die Antwort schuldig bleiben, ebenso wie die nach den Motiven seines Selbstmordes im Jahr 1939. Denn, und das ist die Stärke dieser Biografie: Sie deutet nichts in ihren Gegenstand hinein, lässt allein dessen eigenen und die Aussagen der Zeitzeugen sprechen.

Er verzweifelte am Leid dieser Welt, doch ging es ihm persönlich meist am besten, wenn er die Aufgabe hatte, einen Kampf zu führen, und zwar für andere, nicht für sich selbst.

WDR3&WDR5, Westart, 9. Januar 2026