Ein Besuch in seinem letzten Haus in der Normandie
https://www.deutschlandfunk.de/jacques-pr-verts-ende-der-welt-100.html
Wie sehr der 1977 verstorbene Dichter und Drehbuchautor Jacques Prévert den Franzosen immer noch eine Herzensangelegenheit ist, zeigt der aktuelle Streit über seine Pariser Wohnung auf dem Montmartre: Die Vermieter, Besitzer des Cabarets Moulin Rouge, haben den Mietvertrag gekündigt und damit das Projekt gefährdet, aus der über dem Cabaret liegenden und im Originalzustand erhaltenen Wohnung einen für alle zugänglichen Ort zu machen. Im Handumdrehen fanden sich Abertausende von Verehrern des Dichters und unterschrieben eine Petition an die Kulturministerin, die Wohnung als „historisches Monument“ unter Schutz zu stellen. – Ein anderes „historisches Monument“ – Préverts Altersruhesitz in der Normandie, befindet sich bereits unter Schutz, nämlich im Besitz des Départements Manche und ist ein Museum.
Nahe dem nördlichsten Zipfel der normannischen Halbinsel Cotentin liegt das idyllische Hafenstädtchen Omonville-la-Rouge. Wandert oder fährt man von dort ein paar wenige Kilometer den steilen Küstenhang hinauf, stößt man auf seine Schwestergemeinde, das von dichtem Baumwerk umgebene und verwunschen wirkende Dörfchen Omonville-la-Petite. – In diesem Dorf, das damals wie heute kaum mehr als hundert Bewohner hat, kauften der Dichter Jacques Prévert und seine Frau Janine im Jahr 1970 ein Haus und ließen es von Préverts Freund, dem Filmdekorateur Alexandre Trauner, renovieren und einrichten. Es sollte der Altersruhesitz des damals gesundheitlich schon angeschlagenen Prévert werden. – Schon in den in den Jahrzehnten zuvor hatte er mehrmals die vom Atlantik umtoste Halbinsel Cotentin besucht. Er liebte dieses, wie er sagte: „Paris am nächsten liegende Ende der Welt“. Und wird sieben Jahre später, 1977, auch hier sterben. – Heute ist sein Haus ein kleines Museum, die „Maison Jacques Prévert“. Wie verzaubert wirkt es inmitten eines stattlichen, gepflegten Gartens.
(Fanny Kempa) Vous comprenez un petit peu le français? Oui? là,cest juste pour vous expliquer: Pour la visite: au rez-de-chaussée il y a une exposition temporaire sur les lieux de fuit. A l’étage il y a trois pièces à visiter. Dans la pièce à côté de l’entrée il y a un film sur Prévert, mais seulement en français qui dure 30 minutes. Là, il est un cours…
Fanny Kempa, die Museumsleiterin, weist die eintretenden Besucher kurz ins Haus ein und dann in einen kleinen Saal gleich neben dem ebenerdigen Eingang, wo bereits ein Dokumentarfilm über den Dichter läuft.
(Jacques Prévert) Moi personnellement je ne suis pas poète comme on dit. Justement, on m’a appelé comme ça. J’ai écrit parce que je suis artisan. J’écris bon. Mais ce qui me fait plaisir. J’écris pour faire plaisir à beaucoup, pour emmerder quelques-uns. D’accord mais c’est la même chose. J’écris parce que c’est ce j’ai trouvé de mieux à faire.
Ich persönlich verstehe mich nicht als Dichter. Genau, ich wurde so genannt. Ich habe geschrieben, weil ich Handwerker bin. Ich schreibe – gut. Aber das, was mir gefällt. Ich schreibe, um viele zu unterhalten und um einige zu ärgern. Aber das ist im Grunde dasselbe. Ich schreibe, weil es das ist, was ich am besten kann.
Und obwohl das Haus in Omonville-la-Petite eigentlich sein Altersruhesitz sein sollte, schrieb er hier unverdrossen weiter. Das große Arbeitszimmer im ersten Stock, das im Originalzustand erhalten ist, zeugt davon: Es wird dominiert von einem sehr langen Arbeitstisch, auf dem er nebeneinander seine szenischen Skizzen, Texte, Zeichnungen und Kollagen auszubreiten pflegte. Diese Arbeitsweise hatte er vom Drehbuchschreiben übernommen. Denn von Anfang an verstand sich Jacques Prévert in erster Linie als Drehbuchautor. Und da zu seiner Zeit in Spielfilme immer auch Chansons gehörten, schrieb er außerdem auch die Texte zu einer Menge sehr poesievoller Chansons…
(Besucher) Les chansons? Les feuilles mortes c’est lui ça? ‘Les feuilles mortes se ramassent à la pelle…’ Oui c’était lui et Kosma. Ils étaient à deux à écrire ça, oui d’accord! Oui Kosma le musicien et Prévert les paroles! ‘Les feuilles mortes se ramassent à la pelle‘, une très belle chanson aussi ça!
Sofort erinnert sich ein Besucher des Hauses an Préverts berühmtestes, unter vielen anderen von Juliette Greco gesungenes und von Préverts Freund Joseph Kosma komponiertes Lied „Les feuilles mortes“, er kennt sogar noch den Text.
Doch jenseits seines poetischen Werkes war Prévert schon von Beginn seiner Karriere als Surrealist in den 1920er Jahren an immer ein hoch politischer Mensch: Poesie und politisches Engagement fielen bei ihm in eins.
(Jacques Prévert) Comment voulez-vous que moi je n’ai pas de préférence pour la gauche puisque le mot la gauche ça veut dire qu’on ne sait pas comment faire : c’est gauche. La droite est rusée et moi j’aime mieux l’absence de ruse. J’aime la gauche, c’est la main d’ouvrier, c’est celle qui fait plus même si on n’est pas gaucher.
Wie kann man von mir erwarten, dass ich keine Vorliebe für die Linke habe? Denn „links“ bedeutet, dass man nicht weiß, wie man es macht. „Rechts“ dagegen bedeutet „List“ und ich bevorzuge die Abwesenheit von List. Ich liebe die Linke, weil sie die Hand des Arbeiters ist und die leistet mehr, auch wenn man kein Linkshänder ist.
Mitten im Zweiten Weltkrieg und der deutschen Okkupation zum Trotz schrieb Prévert das Drehbuch für einen der schönsten und ergreifendsten Werke der Filmgeschichte: Les enfants du paradis, – Kinder des Olymp. Hier wurde Poesie zum Mittel des Widerstandes.
(Eugénie Bachelot-Prévert) Voilà il a fait à son époque quand même des chefs-d’œuvre, les plus grands films de son époque.
Eugénie Bachelot-Prévert, die Enkelin des Künstlers, lebt in der Nähe der Maison Jacques Prévert, ist auf einen Sprung vorbeigekommen und zeigt mir die an den Wänden des Arbeitszimmers hängenden Porträts Préverts von befreundeten Künstlern und seine eigenen Zeichnungen und Kollagen.
(Eugénie Bachelot-Prévert) En France il est très connu mais surtout comme poète de l’école. Donc je pense que finalement on ne le connait pas si bien. Il est devenu un peu peut-être comme un cliché. Le cliché de l’homme à la cigarette mais bon il avait vraiment énormément de choses à faire.
Sicher hat er die bedeutendsten Filme seiner Zeit gemacht. In Frankreich kennt man ihn, – aber immer mehr bloß als einen Poeten, den man nur noch in der Schule liest. Letztendlich ist er zum Klischee geworden, – zum Klischee des Mannes mit der Zigarette.
Tatsächlich stoße ich auf dem Gang zum Friedhof, auf dem Prévert, seine Frau und seine Tochter begraben sind, in einem kleinen Park unterhalb der Maison Jacques Prévert, auf eine fast lebensgroße Bronze-Plastik: Sie stellt den Dichter dar, wie er auf einer Bank friedlich mit seinem Freund Alexandre Trauner plaudert. – Und natürlich hat auch der bronzene Prévert die obligatorische Zigarette im Mund.
(Fanny Kempa) Oui, des admirateurs, mais aussi des gens qui connaissent mais très peu. Et des gens qui ont des souvenirs d’école de Prévert. On a un peu de tout. – Il y a eu une augmentation de visiteurs, avant la fréquentation était plutôt autours de 11.000/12.000. Depuis 3 – 4 ans on dépasse les 13.000/14.000 et je pense que cette année on va dépasser les 15.000.
Und fragt man die Museumsleiterin Fanny Kempa nach der Zahl und den Motiven der Besucher der Maison Jacques Prévert, mag man eigentlich nicht mehr glauben, dass der Dichter zu einem bloßen Klischee geworden sein soll: Zwar gebe es neben den Bewunderern Préverts natürlich auch Besucher, die ihn nur aus der Schullektüre kennen, sagt sie. Allerdings sei die Zahl der Besucher in den letzten Jahren ziemlich gestiegen, von anfänglich 11.000 im Jahr auf 14.000 im vergangenen und für dieses Jahr erwarte man gar 15.000. – Die Erklärung für dieses nicht nachlassende Interesse an Jacques Prévert hat die Enkelin, Eugénie Bachelot-Prévert.
(Eugénie Bachelot-Prévert) Et c’est lui qui dit « On m’a appelé poète, je n’ai jamais compris pourquoi on m’appelle poète ». En fait c’est après le questionnant « Qu’est-ce qu’est la poésie?»,» Est-ce que une chanson est la poésie?», «Est-ce qu’un collage c’est la poesie?»,» Est-ce que un texte, un manifeste est de la poésie?» Voilà je pense que c’est dans ce sens du coté poète qui ne veut pas dire grand-chose, quoi. Mais après peut-être pourquoi on l’a appelé poète ? Peut-être parce qu’il y a le rêve, le monde du rêve, parce que justement la poésie est partout….
Er hat ja gesagt: Man nennt mich einen Poeten, aber ich habe nie begriffen, warum man mich einen Poeten nennt. – Wenn man fragt: Was ist eigentlich Poesie, – ist ein Lied Poesie, ein Text, eine Kollage, ein Manifest? – dann führt das nicht wirklich weiter. Sinnvoller ist es vielleicht zu fragen, warum werden Dichter überhaupt Dichter genannt? Vielleicht, weil es den Traum gibt, die Welt der Träume und weil deshalb die Poesie allgegenwärtig ist?
DLF Sonntagsspaziergang 15. Februar 2026