Walter Tevis, Der Mann, der vom Himmel fiel

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Walter Tevis, Der Mann der vom Himmel fiel. Aus dem Amerikanischen von pocaio und Roberto de Hollanda. Diogenes. 272 Seiten. 20 Euro

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Mit Walter Tevis wird gerade ein zu Unrecht vergessener Autor wiederentdeckt. Sein überragender Science-Fiction-Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ erscheint in neuer Übersetzung. – Es gibt das merkwürdige Phänomen, dass Romanautoren fast ausschließlich nur in der Verfilmung ihrer Werke weiterleben. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der 1928 geborene und 1984 verstorbene amerikanische Schriftsteller Walter Tevis. Von seinem großen, schon 1963 erschienenen Roman „Der Mann der vom Himmel fiel“ überlebte nur die Verfilmung mit David Bowie von 1967 im kulturellen Bewusstsein des Publikums. Ebenso ging es mit seinen Romanen „Haie der Großstadt“ und „Die Farbe des Geldes“ mit dem Hauptdarsteller Paul Newman. Die übrigen Romane von Walter Tevis wie „Die Letzten der Menschheit“ und das wunderbare „The Queen’s Gambit“ schienen ebenso vergessen wie der Autor selbst. – Bis dann – ganz typisch für das Schicksal des Autors Walter Tevis – 2022 Netflix eben dieses „The Queen’s Gambit“ wieder entdeckte, unter dem Titel „Das Damengambit“ daraus eine Serie machte und damit Tevis auch dem deutschsprachigen Publikum wieder – oder erstmals nahebringt. – Wiederzuentdecken gilt es vor allem seinen Science-Fiction-Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“, der mit seiner Kritik am selbstzerstörerischen Charakter unserer Zivilisation an Aktualität kaum zu überbieten ist und jetzt in neuer Übersetzung vorliegt

In einer heruntergekommenen New Yorker Kneipe sitzt einsam ein offensichtlich blinder und sehr seltsamer, spindeldürrer Mann namens Newton und betrinkt sich, so, wie er das jeden Tag hier tut. Die Tür geht auf, zögernd und ungläubig nähert sich Nathan Bryce, ein früherer Mitarbeiter Newtons. Bryce hat lange nach ihm gesucht.

„Also schön Nathan, nun haben sie mich gefunden. Aber was wollen Sie von mir?“ Newton lächelte, das Lächeln schien so alt wie der Mond; es war kein bisschen menschlich. „Ich möchte, dass Sie die Welt retten, Mr. Newton.“ Newtons Lächeln veränderte sich nicht, und seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Ist sie es wert, Nathan?“

Mit diesem Dialog nähert sich einer der erstaunlichsten Science-Fiktion-Romane des 20. Jahrhunderts seinem voraussehbar traurigen Ende. Denn von Beginn an aussichtslos erschien das Vorhaben des Mannes, der vom Himmel fiel, jenes an ein Reptil erinnernden Außerirdischen, der sich auf Erden den Namen Newton gab. Allein und in einem winzigen Raumschiff landet er im Jahr 1985 in den Vereinigten Staaten und begibt sich sofort daran, der reichste Mann Amerikas zu werden. Die Zivilisation des Planeten Anthea, von dem er kommt, ist der Erde technologisch vielfach überlegen. Mit Hilfe eines Patentanwalts macht Newton die technischen Innovationen, die er von dort mitbringt, zu Geld, gründet einen Konzern, der bald marktbeherrschend und Milliardenschwer ist. Das so verdiente Geld steckt er in ein neues Projekt, ein gigantisches Raumschiff. Seinem Mitarbeiter Nathan Bryce, dem einzigen Menschen, dem er im Laufe der Jahre nahekommt, vertraut er an, was er damit vorhat: Die letzten 300 Bewohner Antheas zur Erde zu evakuieren. Denn Anthea hat sich durch Kriege und den Verbrauch aller Ressourcen quasi selbst zerstört. Die Außerirdischen wollen sich nicht nur selbst retten, sondern auch die Erde vor dem Schicksal Antheas bewahren. Bryce ist empört:

„Ihr seid doch keine Götter, verdammt noch mal!“ „Nein. Aber haben Ihre Götter Sie je gerettet?“ „Kein Ahnung. Nein, natürlich nicht.“ „Dr. Bryce“, sagte Newton, jetzt ganz ernst. „Wir sind erheblich weiter als Sie. Glauben Sie mir, wir sind viel intelligenter, als Sie sich vorstellen können. Und wir sind ohne Zweifel davon überzeugt, dass Ihre Welt in weniger als dreißig Jahren eine atomare Müllkippe sein wird, wenn man Sie sich selbst überlässt.“ Dann fuhr er finster fort. „Ehrlich gesagt, sind wir ziemlich erbost darüber, was Sie mit einer so schönen und fruchtbaren Welt anstellen. Wir haben unsere eigene vor langer Zeit zerstört, aber wir hatten von Anfang an so viel weniger als Sie hier.“

Gute Science-Fiction-Romane hielten immer schon dem traurigen Zustand der Erden-Zivilisationen einen kritischen Spiegel vor. Aber dass ein im Jahr 1963 geschriebener Roman eine so messerscharf genaue Analyse unseres heutigen verrotteten Zustands liefert, macht den „Mann, der vom Himmel fiel“ zu einem Meilenstein der vorausschauenden Literatur. Doch nicht darin allein – und auch nicht darin, wie genau er die Hohlheit und den Chauvinismus der amerikanischen Mittelstandsgesellschaft beschreibt, liegt die überragende Qualität dieses Romans. Er ist zugleich auch eine ergreifende Studie über die Einsamkeit.

Er blickte aus dem Fenster ins hellere Morgenlicht und zum blassblauen Himmel hinauf. Da oben war Anthea. Eine kalte, sterbende Welt, aber eine, nach der man Heimweh haben konnte, eine Welt, in der Wesen lebten, die er liebte. Zum ersten Mal seit Monaten erlaubte er sich die Erinnerung an die leisen Unterhaltungen mit alten Freunden auf Anthea, an seine Frau und die Kinder. Und plötzlich empfand er Ekel, als er sich im Zimmer umsah, beim Anblick der vornehm-grauen Wände und ordinären Möbel. Er hatte sie satt, diese schäbige, fremde Welt und ihre laute, kehlige, wurzellose und sinnliche Kultur, die Anhäufung von schlauen, ruhelosen, mit sich selbst beschäftigten Affen, vulgär, gleichgültig…

Diese Welt der vulgären Affen wird am Ende dem feingliedrigen, sensiblen außerirdischen Weltenretter in Gestalt von FBI und CIA auf die Schliche kommen, seine Mission verhindern, ihn blenden und in die Nacht ewiger Einsamkeit stoßen. Als ihn sein Mitarbeiter Nathan Bryce endlich findet, ist es zu spät. Der Außerirdische kann die Welt nicht mehr retten. Und selbst wenn er es noch könnte: Er will es gar nicht mehr, denn sie ist es ihm tatsächlich nicht mehr wert.

WDR 3 Kultur am Mittag 28. Juni 2022