Leben in der Baustelle

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Im Kölschen gibt es die Redewendung „us Frack“. Etwas „us Frack“ tun, heißt, etwas aus Bosheit, aus purer Willkür tun, einfach, weil man es kann. – Inzwischen hat man den Eindruck, dass die rot-weiß gestreiften Plastik-Absperrschranken auf Kölner Straßen einfach so, eben „us Frack“ aufgestellt werden. Es vergeht kein Tag, an dem nicht an zwei Dutzend Stellen in der Stadt gleichzeitig die Absperrungen errichtet, anschließend die Straße aufgerissen wird, – und dann gehen die Bauarbeiter weg und werden Tage- und Wochen-lang nicht gesehen.

Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass es früher sehr mühsam war, Absperrschranken im Straßenbau aufzubauen, weil sie aus schweren Holzbalken bestanden. Die modernen Schranken sind aus Plastik und extrem leicht; eine Zwei-Mann-Kolonne schafft es in einer Stunde, eine hundert Meter lange Baustellen damit zu bepflastern. – Natürlich ist es kurzschlüssig, zu denken, es gäbe in Köln so viele Baustellen, weil es so einfach geworden ist, die Absperrungen zu errichten. Doch irgendetwas muss daran sein. Denn allzu plausibel scheinen all die offiziellen Erklärungen nicht dafür, warum aus Köln eine Dauerbaustelle geworden ist.

Klar, es gibt den berüchtigten „Investitionsstau“, unter dem die ganze Republik ächzt und von dem Köln nicht verschont bleibt: Straßen, Brücken, die ganze Verkehrs-Infrastruktur wurde jahrelang vernachlässigt. Sie stammt teilweise noch aus den 1960er oder 1970er Jahren und war für ein sehr viel geringeres Verkehrsaufkommen ausgelegt. Aber, stellt sich die Frage: Muss denn alles gleichzeitig repariert werden? – Natürlich nicht. Denn bei näherem Hinschauen zeigt sich, dass nur ein Bruchteil der Straßen- und Brückenbauarbeiten der Reparatur- oder Instandhaltung dient. 

In den allermeisten Fällen reißt man nämlich die Straßen auf, um neue Rohre, viel öfter aber, um neue Kabel zu verlegen. Das Volk will mit Breitbandnetzen versorgt werden, argumentieren die Betreiber, jedes Jahr ein bisschen breiter. Deshalb muss jedes Jahr die Straße von neuem aufgerissen werden, um breitere, schnellere Internet-Kabel zu verlegen. Wobei es nicht selten vorkommt, dass wenn der Betreiber A heute eine Straße aufreißt, um seine Kabel zu verlegen, morgen der Betreiber B an der gleichen Stelle den frischen Asphalt wieder aufreißt, um seine Kabel zu verlegen.

Darin wohl am ehesten liegt der Grund dafür, dass es – so die Zahl des Amtes für Baustellenmanagement – derzeit mindestens 12.000 Baustellen pro Jahr im öffentlichen Straßenraum Kölns gibt. 12.000! Diese Zahl muss man ebenso sacken lassen wie den Umstand, dass in Köln tatsächlich ein „Amt für Baustellenmanagement“ existiert. Das wurde im Jahr 2014 eingerichtet, um die genehmigungspflichtigen Straßenbaustellen zu koordinieren, – und zu kontrollieren: Die rot-weißen Absperrgitter behindern nämlich nicht nur den Autoverkehr; sie stellen oft eine extreme Gefahr für Fahrradfahrer dar, weil sie häufig gerade auf Fahrradwegen errichtet werden und die Radfahrer zwingen, sich in den Autoverkehr einzufädeln.

Ob es dem „Amt für Baustellenmanagement“ heute, zwölf Jahre nach seiner Gründung und bei kontinuierlich weiter wachsender Baustellenzahl, immer noch gelingen kann, seine anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen? Da sind Zweifel angebracht. Denn der dem Amt untergeordnete „Baustellenkontrolldienst“ ist mit sieben Mitarbeitenden hoffnungslos unterbesetzt. Die schaffen es im Jahre gerade einmal, 900 Baustellen zu kontrollieren, – 900 von 12.000! – So kommen wir am Schluss zurück aufs kölsche „us Frack“: Wenn die Straßenbaustellen nicht effektiv zu kontrollieren sind, – warum genehmigt die Stadt sie denn so massenhaft? Doch wohl nicht etwa „us Frack“?

Klaaf, Das Kölsch Magazin, September 2026