Walter Benjamins Berlin Teil 3: Der Blumeshof

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Berlin war schon immer einen Spaziergang wert und das Flanieren durch seine Straßen ein beliebtes Thema der Schriftsteller. Als erster entdeckte Franz Hessel Ende der 1920er Jahre dieses Sujet, – sein 1929 erschienenes Buch „Spazieren in Berlin“ setzte den Maßstab: Es wandte sich vor allem der Großstadt im Aufbruch in die Moderne zu. Auch Sigfried Kracauer schrieb um diese Zeit zahllose Feuilletons über die Straßen von Berlin. Und nicht zuletzt der mit beiden eng befreundete Walter Benjamin, ein gebürtiger Berliner, machte seine Heimatstadt in gleich zwei Büchern zu seinem intimen Thema. 1932 erschien seine „Berliner Chronik“. Erst 1950, nach seinem Tod, brachte Theodor W. Adorno Benjamins in den 1920er Jahren geschriebene Texte unter dem Titel „Berliner Kindheit um 1900“ heraus. Intim sind diese Texte insofern, als es Benjamin darin weniger um die äußere Beschreibung der Stadt und ihrer Straßen ging, als darum, sich seiner eigenen Herkunft in diesen Straßen, Häusern und Wohnungen des Berliner Westens zu versichern. 1924 schrieb er aus Capri, dass in dem Kapitel „Loggien“ in der „Berliner Kindheit“ „das genaueste Porträt enthalten sei, das mir von mir selbst zu machen gegeben ist.“

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Die Mutter meiner Mutter war Witwe. Wenn man die alte Dame auf ihrem teppichbelegten und mit einer kleinen Balustrade verzierten Erker, welcher auf den Blumeshof hinausging, besuchte, konnte man sich schwerlich denken, wie sie große Seefahrten oder gar Ausflüge in die Wüste unter Leitung von ‚Stanges Reisen‘ unternommen hatte, an die sie sich alle paar Jahre anschloss. Unter sämtlichen herrschaftlichen Wohnungen, in denen ich herumkam, war dies die einzig weltbürgerliche.

In den beiden Erinnerungsbüchern an seine Kindheit in Berlin im frühen 19. Jahrhundert kreisen viele Gedanken des Philosophen Walter Benjamin um die Wohnungen seiner beiden Großmütter und Tanten. Sie lebten in fußläufiger Nachbarschaft zu den wechselnden Wohnungen seiner Eltern im Berliner Westen, rund um den Tiergarten, insbesondere den Lützowplatz. Dort wohnte die Großmutter mütterlichseits in einer Straße, die damals „Blumeshof“ hieß.

Die Adresse gibt es heute nicht mehr. Es ist, wie auch andere Teile rund um den Tiergarten, ein Stadtkörper, der sehr, sehr stark überformt ist.

Der Berliner Stadtplaner Paul Klever.

Das liegt auch wieder daran, dass diese Gegend hier stark kriegsgeschädigt war; wir befinden uns immer noch unmittelbar in der Nähe von Zentren der Macht bis 1945. Und dementsprechend ein großes Kriegsziel und dementsprechend ist hier wenig übrig geblieben von der alten Stadt. – Diese Überformungen, die dann aus dem Krieg heraus passiert sind, setzen sich dann durch unterschiedliche Paradigmenwechsel und Sinneswandel im Verständnis von Stadt danach weiter fort.

Mit anderen Worten: Völlig verschwunden sind hier die herrschaftlichen Häuser mit hohen Fenstern, breiten Balkonen nach vorne und hinten mit ausladenden Loggien versehen, d.h. in die Wohnung integrierte, aber noch vorn offene Räume. Sie säumten den Lützowplatz und die Straßen hin zum Lützowufer. Jetzt wechseln sich hier mittelhohe, billig zu bauende Steinhäuser mit Schießschartenfensterspalten mit gesichtslosen Bankgebäuden ab. Den Lützowplatz selbst gibt es zwar noch, aber er ist eine Brachwüste, auf der die Klettergerüste eines früheren Kinderspielplatzes verrotten.

(Paul Klever) Die Überformung über unterschiedliche Zeitepochen – es wird immer kürzer, die Zeitrhythmen werden viel kürzer. Der Druck, etwas Neues zu schaffen oder die Grundstücke je nach ihrer Lage auszunutzen, wird immer höher. Was auf jeden Fall klar ist, dass sich die ganze Umgebung hier total in ihrer Nutzung gewandelt hat, weg von der auch zu Benjamins Zeiten gutbürgerlichen Wohnfunktion rund um den Tiergarten hin zu einem eher Dienstleistungs- und Geschäfts-orientierten Stadtteil.

Man kann nicht wissen, wie sehr Walter Benjamin diese radikale Umwandlung seiner Stadt geärgert hätte. Aber es scheint, und er sagt es in seiner „Berliner Chronik“ selbst, dass für ihn vor allem die Erinnerung an das damals Erlebte von Bedeutung ist.

Mit welchen Worten das fast unvordenkliche Gefühl von bürgerlicher Sicherheit umschreiben, das von diesen Räumen ausging? So paradox es klingt, mir will es scheinen, als schließe der Begriff jener besonderen Geborgenheit, mit der sie mich umfingen, am ehesten an ihre Mängel an. Das Inventar, das diese vielen Zimmer – zwölf bis vierzehn – füllte, würde sicher heute sich dem schäbigsten Trödelladen einfügen. Und wenn auch jene ephemeren Formen so viel solider waren als der Jugendstil, der sie ablöste – das Vertraute, Beruhigende, Anheimelnde und Tröstliche an ihnen war doch die Trägheit, mit der sie sich dem Schlendergang der Jahre und Tage anvertrauten und sich, was ihre Zukunft anbetraf, allein der Haltbarkeit des Materials und nirgends der Vernunftberechnung anheimgaben.

Das spätere große historische Interesse Benjamins am Interieur des 19 Jahrhunderts, wie es sich in seinem Passagenwerk artikulierte, knüpft sicher an seine Kindheitserlebnisse in den Wohnungen der Großeltern an. – Vielleicht entstand es sogar dort?

Der wichtigste von diesen Räumen war für mich die Loggia, sei es, weil sie bescheidener möbliert, von den Erwachsenen weniger geschätzt war, sei es, weil gedämpft der Straßenlärm heraufdrang, sei es, weil sie mir den Blick auf fremde Höfe mit Portiers, Kindern und Leierkastenmännern freigab. Auch war das Viertel vornehm und das Treiben auf seinen Höfen niemals sehr bewegt; etwas von der Gelassenheit der Reichen, für die hier Arbeit verrichtet wurde, hatte sich dieser mitgeteilt und etwas Sonntag blieb auf dem Grund der Woche.

An anderer Stelle, in einem Brief, schriebt Benjamin, in dem Kapitel „Loggien“ seiner „Berliner Kindheit um 1900“ sei „das genaueste Porträt enthalten, das von mir selbst zu machen gegeben ist.“

Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte.

(Paul Klever) Jede Überformung und jeder Baustil und jede Nutzung hatte immer, wenn man sie im Kontext ihrer jeweiligen Zeit betrachtet, ihre absolute Berechtigung. Und man kann dem dann mit mehr Verständnis auch heute begegnen, trotz objektiver oder vermeintlich objektiver Maßstäbe, was schön und hässlich ist, was gut funktioniert oder nicht gut funktioniert. Und ich glaube, dass sie immer in ihrer jeweiligen Zeit sehr gut gedacht waren und aus der jeweiligen Perspektive Sinn ergeben haben und erst über die langen Zeiträume sich herausstellt: Was bewährt sich, was ist flexibel genug, um sich neu anzupassen.

Dazu gehört mit Sicherheit auch die Berliner Hinterhofkultur, die in ihrer vornehmen Form und rund um den Lützowplatz zwar verschwunden, aber sehr oft und überall sonst in der Stadt noch sehr lebendig ist und die auch aus Walter Benjamin, wie er im Loggia-Kapitel seiner „Berliner Kindheit“ andeutet, einen echten Berliner gemacht hat. 

(Paul Klever) Es ist eben die angesprochene Flexibilität, dass sich in den Hinterhofstrukturen durch die berühmte Berliner Mischung eben viel mehr Leben, viel mehr der Blick aus der Gesellschaftsperspektive und soziologischen Perspektive daran ablesen lässt.

Seitdem ich Kind war, haben sich die Loggien weniger verändert als die anderen Räume. Sie sind mir nicht nur darum nahe. Es ist vielmehr des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit für den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt. An ihnen hat die Behausung des Berliners ihre Grenze. Berlin – der Stadtgott selber – beginnt in ihnen.

DLF Sonntagsspaziergang 27. September 2026